Mohammed Kaissa:
(engl. Original, dt. Übersetzungssprecher)
Wir haben von fünf Uhr morgens bis elf Uhr abends durchgearbeitet, mit Knüpfmessern mussten wir zehn verschiedenfarbige Wollfäden miteinander verweben. Der Besitzer hat uns ständig mit seinem Stock geschlagen, ohne Rücksicht. Und wenn wir uns über das Essen beschwert haben, es gab immer nur gesalzenen Reis, hat er nur gesagt: ‚Ihr seid keine Könige, die sich das Essen aussuchen können.’
Sprecher:
Beileibe kein König, sondern ein Arbeitssklave ist der 12jährige Mohammed Kaissa. Der Junge wird in Nordindien von einem Teppichfabrikanten ausgebeutet, an den ihn die bitterarmen Eltern verpfändeten. Zusammen mit 25 anderen Kindern schuftet Mohammed Kaissa Tag für Tag in einer Teppichmanufaktur, deren Luft vom Wollstaub verpestet ist. Nachts werden die Kinder auf der Dachterrasse eingesperrt, damit sie nicht weggelaufen.
Sprecherin:
In Leibeigenschaft geraten heutzutage nicht nur Menschen im fernen Indien, das gibt es sogar in Europa. Isma, eine 34jährige Indonesierin, zum Beispiel, war nach Paris gekommen, um als Hausangestellte bei einem Diplomaten der Unesco zu arbeiten. Schon bei ihrer Ankunft am Flughafen hatte ihr der Hausherr, aus dem Sultanat Oman,  den Pass abgenommen. Fortan musste sie, so erzählt Isma, für die fünfköpfige Familie putzen, bügeln, kochen, und das 10 Stunden täglich, sieben Tage die Woche, für umgerechnet 400 DM im Monat.
O-Ton, Isma
(engl. Original, dt. Übersetzungssprecher)
Bei dem Diplomaten aus dem Oman durften die Angestellten nicht aus dem Haus, Kontakte zu anderen Menschen waren uns verboten. Als ich dann wegrannte, stand ich vor einem Berg neuer Probleme, plötzlich ist man illegal im Lande. Denn diese spezielle Arbeitserlaubnis für Hausangestellte in Diplomatenhaushalten gilt nur für den einen Arbeitgeber, der außerdem noch den Pass an sich genommen hat. Der Arbeitsvertrag gewährt zwar dem Arbeitgeber hundertprozentiges Recht, doch von unseren Rechten als Hausangestellte steht dort nichts. Wir haben keine festen Arbeitszeiten, selbst im Falle sexuellen Missbrauchs sind wir machtlos. Die können mit uns machen, was sie wollen.
Sprecher:
Nach einem Jahr gelang Isma die Flucht, allerdings nur mit Hilfe von Amnesty International. Schlimmer noch als Hausangestellte, die ausgebeutet und entrechtet werden, ergeht es Frauen und jungen Mädchen, die nach Europa eingeschleust und in die Prostitution gezwungen werden. Seit den siebziger Jahren kümmert sich die Ordensfrau Lea Ackermann um Opfer des Frauenhandels. Sie schildert das Schicksal einer 16jährigen Russin. Das Mädchen hatte sich in einen jungen Deutschen verliebt. Er versprach ihr Arbeit in der Bundesrepublik und redete von späterer Heirat.
O-Ton: Lea Ackermann
Das war so verlockend, dass sie Hals über Kopf die Heimat verlassen hat, und sie kam mit ihm über die Grenze, und sie wurde direkt nach der Grenze in einem Bordell von drei Männern eine ganze Nacht lang vergewaltigt. Das war so ein Schock für sie, dass sie nur geweint hat und sich verweigert hat, und da wurde sie geschlagen, bekam nichts zu essen, hat aber dann so viel Probleme gemacht, dass man sie weiterverkauft hat, an das nächste Bordell.
Sprecherin:
Der jungen Russin gelang auf dem Weg zum fünften Bordell die Flucht. Lea Ackermann vermittelte ihr eine Schutzwohnung und die Teilnahme an einem Sprachkurs. Ihr Schicksal ist kein Einzelfall.
O-Ton: Lea Ackermann
Wir haben Frauen, die wurden geschlagen, die bekamen Essensentzug, die wurden  unterkühlt, in einem Fall hat man die Frau sogar in einen Eisschrank gesperrt, wenn sie nicht mitgemacht haben. Vor allem wird ihnen damit gedroht, dass sie sich an niemanden wenden können, weil auch die Polizei hier korrupt wäre.
Sprecher:
Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs blüht der Menschenhandel mit Osteuropa. Und man schätzt, dass weltweit das Geschäft mit Menschen noch lukrativer ist als das mit Drogen oder mit Waffen.
Sprecherin:
Die vorgestellten Schicksale künden beredt von den Schattenseiten der Globalisierung: der 12jährige Mohammed Kaissa, ein Arbeitssklave  in der indischen Teppichindustrie;  die indonesische Hausangestellte Isma, die man mitten im zivilisierten Paris wie eine Leibeigene gefangen hielt, schließlich die minderjährige Russin, ein Opfer des Frauenhandels, - und das sind nur drei Beispiele aus dem Spektrum moderner Ausbeutung und Knechtung des Menschen, die von Wissenschaftlern als neue Sklaverei bezeichnet wird.
Sprecher:
So definiert es der italienische Soziologe Pino Arlacchi. Einen Namen machte sich Arlacchi in Italien im Kampf gegen die Mafia. 1997 wurde er zum stellvertretenden Generalsekretär der Vereinten Nationen berufen, zuständig für die internationale Verbrechensbekämpfung. Im vergangen Jahr hat Arlacchi ein Buch geschrieben mit dem Titel Ware Mensch. Der Skandal des modernen Sklavenhandels, In einem Interview skizziert er die neuen Formen der Sklaverei.
O-Ton, Pino Arlacchi
(ital. Original, dt. Übersetzungssprecher)
Wir haben es vor allem mit der Zwangsarbeit, mit der Schuldknechtschaft, und der sexuellen Versklavung zu tun. In einigen afrikanischen Staaten gibt es außerdem immer noch die klassische Sklaverei. Berichte darüber liegen uns aus Ländern wie Mauretanien oder dem Sudan vor. Die modernen Formen der Sklaverei findet man praktisch in allen Staaten der Welt. Die wirtschaftliche Ausbeutung von Menschen ist die weitverbreitetste Form der Unterdrückung. Millionen von Kindern werden in den Fabriken zur Arbeit gezwungen, in denen nicht einmal die elementarsten Normen der Hygiene oder der Sicherheit eingehalten werden. Das betrifft aber nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene und zwar in allen Teilen der Welt. Dessen muss man sich wirklich schämen.
Sprecher:
In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die 1948 von der UN-Vollversammlung ohne Gegenstimme verabschiedet wurde, heißt es im Artikel vier: „Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden; Sklaverei und Sklavenhandel sind in allen Formen verboten.“
Sprecherin:
Die Erklärung bestärkte in dem Glauben, dass Sklaverei ein Gegenstand für die Historiker sei, ein Phänomen, das im 19. Jahrhundert besiegt worden und seitdem endgültig abgeschafft sei – aber das stimmt nur in rechtlicher Hinsicht.
Kein Mensch kann heute, in keinem Staat der Erde,  in legaler Weise zum Eigentümer eines anderen werden. Doch auch ohne Besitztitel blüht das Geschäft mit der Ware Mensch, ja es finde sogar eine noch  hemmungslosere Vermarktung statt. Diese These Arlacchis teilt der amerikanische Soziologe Kevin Bales, der in diesem Jahr eine Studie mit dem Titel Die neue Sklaverei veröffentlich hat. Bales schreibt:
Zitator:
„Laut meinen vorsichtigen Schätzungen beläuft sich die Zahl der Sklaven weltweit auf 27 Millionen. ... Heute gibt es mehr Sklaven, als zur Zeit des transatlantischen Sklavenhandels in Afrika gefangengenommen und verschifft wurden.“
Sprecherin:
Hinzu kommen Menschen, die in vielerlei Form  Zwangsarbeit leisten müssen. Es gibt andere Schätzungen, wonach weltweit 200 Millionen Menschen Opfer von Sklaverei oder Zwangsarbeit sind.
Bales und Arlacchi vergleichen in ihren Studien alte und neue Formen der Sklaverei. Diesen Weg hat auch eine Ausstellung im Westfälischen Museum für Naturkunde in Münster beschritten, die ihn diesem Sommer gezeigt wurde. Sie hieß: Mit und ohne Ketten. Sklaverei und Abhängigkeit in zwei Jahrtausenden.
Sprecher:
Die Ausstellung führte eine bittere Erkenntnis vor Augen: Die Sklaverei begleitet die Geschichte des Menschen. Schon im Altertum hat man Kriegsgefangene, aber auch verschuldete Mitglieder des eigenen Gemeinwesens versklavt. Dabei wurde die Sklaverei auch von philosophischer Seite gerechtfertigt.
Sprecherin:
Der Schwerpunkt der Ausstellung aber lag auf dem transatlantischen Sklavenhandel vom 16. bis ins 19. Jahrhundert, der in seinen Dimensionen alles Vorangegangene sprengte. In seinem Verlauf wurden 10 Millionen Afrikaner geraubt oder von schwarzen Stammesfürsten an die weißen Sklavenhändler verkauft. Man schaffte sie in Ketten auf die berüchtigten Sklavenschiffe, damit sie jenseits des Atlantiks auf den Plantagen und in den Bergwerken der neuen Welt den Reichtum der alten vermehrten.
Sprecher:
Die Ausstellung hatte einen Teil vom Bug des englischen Sklavenschiffes Brookes nachgebaut. Hier wurde augenfällig, in welch brutaler Weise Menschen auf engstem Raum, zusammengepfercht wie Vieh, übers Meer fort in die Fremde geschafft wurden. Zu den physischen Qualen kamen die psychischen. Der Verschleppte wurde auch seelisch gebrochen, damit er sich willenlos in sein Schicksal fügt. Josephine Kronfli, eine der Ausstellungsmacherinnen, schildert die Traumatisierung der Versklavten.
O-Ton, Josephine Kronfli:
Beim transatlantischen Menschenhandel ist es so, dass man Menschen willkürlich eingefangen hat und sie aus der Familienstruktur, in die sie eingebunden sind, herausgerissen hat. Da fängt für sie die Entwurzelung an, der Verlust an Identität, sobald die eingefangen werden, zur Küste verschleppt werden, heißt das für sie, dass sie ihre Familie nie wieder sehen werden. Und auf Schiffen werden sie neben wildfremde Menschen hingelegt, ... und wenn sie dann in Amerika angekommen sind, haben sie keine Chance, die Menschen, mit denen sie auf den Schiffen waren, wiederzusehen, weil sie da weiterverkauft werden und neuen Besitzern übergeben werden. Und auf den Plantagen werden sie mit neuen Menschen konfrontiert, die sie erst einmal kennen lernen müssen.
Musik:
Redemption Song (Bob Marley)
Old pirates yes they rob I
Sold I to the merchant ships
Minutes after they took I
From the bottomless pit
But my hand was made strong
By the hand of the almighty
We forward in this generation
Triumphantly
All I ever had, is songs of freedom
Won't you help to sing, these songs of freedom
Cause all I ever had, redemption songs
Redemption songs
(im folgenden unterlegen)
Sprecherin:
Es folgten Jahrhunderte der Knechtschaft in den Minen Lateinamerikas, auf den Zuckerrohrfeldern der Karibik und den Baumwollplantagen der amerikanischen Südstaaten. Wie in der Antike konnte die totale Rechtlosigkeit des Sklaven
mit unterschiedlichen Lebensbedingungen einhergehen. Wenige schwarze Hausangestellte hatten es etwas erträglicher. Die Masse jedoch fristete ein elendes Dasein, bestimmt von härtester Arbeit, kärglicher Nahrung und schmutziger Unterkunft.
Sprecher:
Wie gelang es den Afrikanern überhaupt zu überleben? Woher schöpften sie die Kraft dazu? Vielleicht aus ihrer Religiosität und tiefverwurzelten Traditionen, aus der Einheit von Kult und Musik. Ein langer Kampf um die Befreiung der Sklaven durchzog das gesamte 19. Jahrhundert, bis 1888 Brasilien als letztes der großen Länder die Abschaffung der Sklaverei verkündete.
Sprecherin:
Doch auch in der Gegenwart trifft man -  der UN-Menschenrechtserklärung zum Trotz -  immer noch auf jene alte Form der Sklaverei, es gibt sie in Westafrika, vor allem in Mauretanien, und wie Josephine Kronfli schildert, im Sudan:
O-Ton, Josephine Kronfli:
Seit 1955 tobt ein brutaler Bürgerkrieg, und Sklavenraubzüge sind zum wichtigen Kampfmittel für die sudanesische Regierung geworden, d.h. dass die sudanesische Regierung nicht selbst Menschen im Süden einfängt, aber dass sie stillschweigend zuschaut, wie Milizen im Süden ganze Dörfer in Brand setzen, Männer töten, Frauen und Kinder rauben, und in den Norden verkaufen. Und wenn diese Menschen im Norden angekommen sind, erwartet sie schwere Arbeit unter sehr schlechten Arbeitsbedingungen, Folter, Hunger, Beschneidung und der zwangsweise Übertritt zum Islam.
Zitator:
"Mein Name ist Osman. Ich bin 14 Jahre alt. Ich habe in dem Dorf Adangala für einen Mann namens Hemer gearbeitet. Meine Arbeit bestand darin, auf seine Kühe aufzupassen. Wenn eine Kuh weglief, wurde ich zur Strafe geschlagen. Ich mußte eine Koranschule besuchen. Als ich einmal fragte, ob ich nicht auf eine normale Schule gehen könne, sagte Hemer: "Falls du diese Frage noch einmal stellst, schneide ich dir die Kehle durch!". Ich wußte, er würde das wirklich tun, denn einmal hat er vor unseren Augen drei Sklaven die Kehle durchgeschnitten. Ihre Namen waren Deng, Gagang und Ngor. Der erste Sklave hatte versucht zu fliehen. Der zweite hatte aufgehört zu arbeiten und nach etwas zu Essen gefragt. Der dritte hatte einige Kühe verloren."
Sprecher:
Das ist der authentische Bericht Osmans, eines sudanesischen Jungen, dessen Sklavenschicksal durch die Münsteraner Ausstellung davor bewahrt wird, im Niemandsland globaler Vergesslichkeit unterzugehen.
Sprecherin:
Vor allem Kinder sind Opfer der Knechtung des Menschen. In Indien, Pakistan und Nepal geraten sie unter das Joch der Schuldknechtschaft, ein System, das Familien über Generationen hinweg in Abhängigkeit hält.
Sprecher:
Die Falle schnappt zu, wenn sich eine Familie wegen einer Missernte oder wegen teurer Medikamente verschuldet. Kann sie das Geld nicht in absehbarer Zeit zurückzahlen, wird sie gezwungen ihre Schulden beim Gläubiger abzuarbeiten. Die Löhne sind jedoch so gering, Zinsen und Zinseszinsen so hoch, dass man sich aus der Verschuldung nicht mehr befreien kann, zumal der Arbeitgeber überzogene Preise für Nahrung, Unterkunft, Transport oder Werkzeug vom kärglichen Lohn abzieht.
Sprecherin:
Der Geldgeber ist auch gar nicht an einer Tilgung interessiert, sondern dass ihm der Schuldner neben seiner eigenen Arbeitskraft auch die seiner Kinder verpfändet. Die Schulden werden sogar auf nachfolgende Generationen vererbt, so schließt sich ein Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen gibt. Die UN haben dieses System der Schuldknechtschaft – auch Zinssklaverei genannt - in einem Zusatzabkommen verboten. Dennoch ist es in der Dritten Welt für schätzungsweise 20 Millionen Menschen Realität, davon lebt die Hälfte auf dem indischen Subkontinent.
Sprecher:
Vor allem Kinder werden von den verschuldeten Familien, die keinen Ausweg wissen, in die Schuldknechtschaft gegeben. Gestützt auf die Ausbeutung von Kindern schlägt die indische Teppichindustrie die Konkurrenz und liefert jene preisgünstige Ware, nach der der Weltmarkt verlangt.
O-Ton, Josephine Kronfli:
Die Kinder, die in der Teppichindustrie arbeiten, knüpfen Teppiche für den westlichen Markt, man muss sagen, dass Deutschland der größte Teppichimporteur weltweit ist. 50 Prozent der indischen Teppiche werden nach Deutschland importiert. ... In Indien arbeiten circa 120.000 Kinder in der Teppichindustrie, und jedes 5. Kind ist ein Schuldknecht. Die Kinder sind zwischen 8 und 12 Jahre alt und müssen 12 bis 15 Stunden in der Regel ohne Pause arbeiten, d.h. dass Schule, Ferien, Freizeit für sie ein Fremdwort ist.
Diese Kinder werden in der Regel gefangen gehalten, damit sie nicht weglaufen können, sie sind unternährt, und auch durch die Arbeit bedingt krank, und die Krankheiten, die in der Regel bei ihnen vorkommen, sind Augenkrankheiten, Hautkrankheiten, Erkrankungen, der Atemwege, Staublunge und natürlich Rückenschäden. Und laut der International Labour Organisation stirbt etwa die Hälfte der Kinder in Pakistan vor dem 12. Lebensjahr.
Sprecherin:
Menschenrechtsgruppen haben in spektakulären Aktionen immer wieder Kinder befreit und in ihre Familien zurückgebracht. Sie mussten aber auch erleben, dass sich viele der Kinder unter dem Druck der Verhältnisse kurze Zeit später wieder bei ihren Herren einfanden. Immerhin haben die Aktionen in der Weltöffentlichkeit auf den Skandal der Schuldknechtschaft aufmerksam gemacht. Deutlich wurde aber auch, wie schwer es würde, Schuldknechtschaft wirklich zu überwinden. Denn für ihren Fortbestand sorgt ein fatales Zusammenspiel interner und globaler Faktoren.
Sprecher:
Auf der einen Seite ist Schuldknechtschaft fest im Kastensystem verwurzelt. Trotz gesetzlicher Verbote billigt es deshalb die indische Gesellschaft innerlich, dass Angehörige der Kaste der Dalits, der sogenannten Unberührbaren – oder diskriminierte Minderheiten wie die Adivasi in Steinbrüchen und Bergwerken ihr Leben in Schuldknechtschaft fristen.
Sprecherin:
Auf der anderen Seite begünstigt aber auch die Globalisierung die Fortdauer sklavenähnlicher Lebens- und Arbeitsverhältnisse. Denn die Weltwirtschaft fördert nicht nur die Konkurrenz, sie drängt auch die ungelernten und schlecht entlohnten Arbeiten mehr und mehr in die Dritte Welt. Dort wiederum suchen die Arbeitgeber die Lohnkosten zu minimieren, um ihre Produkte möglichst preisgünstig auf dem Weltmarkt anbieten zu können. Kinder sind billigere Arbeitskräfte als Erwachsene, und wegen ihrer Fingerfertigkeit in der Teppichindustrie sehr gefragt. So zwingt man die Kinder auf Kosten ihrer Ausbildung und Gesundheit zu jener Arbeit, die man umgekehrt den Erwachsenen wegnimmt – pervertierte Welt: die Eltern, nun zur Erwerbslosigkeit verdammt, verarmen und müssen ihre Kinder in die Schuldknechtschaft verpfänden.
Musik:
Let the children live (Inga Rumpf)
Let the children live,
Yeah, let the children live,
Some live in a castle,
Some live in a den,
Some live in nowhere,
Trying to find childhood again.
This is a mean old world
Makes the souls gonna die,
Children get older
Make the whole world gonna cry.
Let the children live,
Sprecher:
Die Ausbeutung der Kinder fern ihrer Familien ist weder neu noch exotisch. Im England des späten 18. Jahrhunderts brachten die Besitzer von Baumwollspinnereien Kinder armer Eltern und Waisen aus dem ganzen Land in ihre Manufakturen, wo sie 13 bis 16 Stunden täglich arbeiten mussten. Sie erhielten keinen Lohn, nur das Nötigste zum Lebensunterhalt. Der Frühkapitalismus im 19. Jahrhundert verschließ die Kinder, indem er sich ihre Arbeitskraft rücksichtslos aneignete. Heute wiederholt sich dieses Elend in noch größeren Ausmaßen in der Dritten Welt.
Sprecherin:
Die Internationale Arbeitsorganisation schätzt, dass heute 250 Millionen Kinder zwischen 5 und 14 Jahren Arbeiten verrichten müssen, von denen etwa ein Viertel sklavenähnlichen Verhältnissen zuzurechnen ist, wie Schuldknechtschaft, Zwangsarbeit, Leibeigenschaft und Kinderprostitution.
Immer wieder ist in diesem Zusammenhang auch vom Elend der Straßenkinder die Rede. Die Bochumer Professorin Christel Adick, die als Vergleichende Erziehungswissenschaftlerin über Straßenkinder und Kinderarbeit geforscht hat, betont die Unterschiede:
O-Ton, Christel Adick:
Bei dem ganzen Komplex Kinderarbeit, muss man zunächst einmal differenzieren, und zwar werden häufig Straßenkinder und arbeitende Kinder synonym verwendet, das entspricht nicht mehr unbedingt der Realität, denn nicht mehr jedes Kind, das sich auf der  Straße aufhält, ist ein arbeitendes Kind, und nicht jedes arbeitende Kind ist in diesem negativ klassifizierten Sinne ein Straßenkind, denn es trägt auch zum Einkommen der Familie bei, und viele Familien in den so genannten Drittweltländern würden ohne die Mitarbeit der Kinder gar nicht leben können. ... Und interessanterweise haben die Kinderbewegungen selbst, die sich im Laufe der letzten 10, 15 Jahre gebildet haben, so langsam ihre Rechte definiert und ihre Beziehungen zur Arbeit, und dabei durchaus darauf hingewiesen, dass  sie nicht die Arbeit an sich abschaffen wollen, sondern eine Arbeit in Würde und Respekt fordern, also mit gewissen Mindeststandards, und eine Arbeit, die ihnen auch medizinische Versorgung gewährleistet, die Möglichkeit bietet, an schulischen Maßnahmen teilzunehmen, gewisse Freizeitelemente, gesundheitliche Fürsorge usw.
Sprecher:
Auch in traditionellen Gesellschaften Europas, auf den Bauernhöfen und in den Handwerksbetrieben trugen Kinder selbstverständlich zum Lebensunterhalt der Familie bei. Kinder nahmen unmittelbar an der Welt der Erwachsenen teil. Moderne Kindheit als Sonderraum, was Spiel­zeug und schulisches Lernen, was Gesprächs- und Erfah­rungstabus anbetrifft, hat sich erst langsam im Lauf der Neuzeit ausdifferenziert.
Sprecherin:
Deshalb ist es nicht gerechtfertigt, diese Vorstellung von Kindheit auf andere Kulturen und deren Lebens- und Arbeitsformen zu übertragen. Aber die Mitarbeit der Kinder geschah in traditionellen Gesellschaften in maßvoller Weise, vor allem weil es unter den Augen der Eltern und in einem sozialen Rahmen stattfand. Die Kinderbewegung, die sich heute in einer Süd-süd-Kooperation quer über die Kontinente Asiens, Afrikas und Lateinamerikas organisiert, hat begonnen sich nicht gegen Arbeit als solche, wohl aber gegen Arbeitsklaverei und maßlose Ausbeutung zu wehren. Die erste Forderung, die die Kinder auf einem Treffen in Indien 1996 erhoben, lautete, dass sie als Gesprächpartner ernstgenommen werden wollen.
Sprecher:
In Städten der Dritten Welt gibt es vereinzelt Versuche, eine Art Kindergewerkschaft zu formieren – konkret: dass sich die jungen Schuhputzer untereinander über Mindestpreise verständigen, oder dass man über Nichtregierungsorganisationen versucht, Kurse schulischer und beruflicher Bildung einzurichten.
Sprecherin:
Straßenkinder haben es schwer, ihre Existenz zu behaupten im Kampf gegen Unternährung, Krankheit und Gewalt. Noch gefährdeter sind Kinder in Ländern, wo Krieg und Bürgerkrieg herrschen: Kinder erleben Schreckliches, werden verletzt, traumatisiert, sind Waisen und Flüchtlinge. Ohnehin Opfer des Krieges werden viele Kinder von den Armeen als Söldner angeworben. Weltweit, schätzt man, gibt es 300.000 Kindersoldaten, das sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Kindersoldaten begegnet man  auf allen Kontinenten, wo bewaffnete Konflikte stattfinden. Viele Kinder sind zwangsrekrutiert, werden zum Rauben und Morden gezwungen. Christel Adick erläutert wie Kinder zu Soldaten werden.
O-Ton, Christel Adick:
Die Familien fallen in vielen Ländern, auch in Afrika in Folge von Aids-Toten, gerade in der mittleren Generation, häufig auseinander, wenn beide Eltern verstorben sind, vielleicht auch die Großeltern nicht mehr verfügbar sind, dann hängt manchmal die ganze Familienversorgung an den älteren Geschwistern, und wenn die kein Einkommen haben, denn irgendwo muss es her – da verpflichten sich Kinder häufiger, einfach um irgendeine berufliche Chance zu haben – das wäre die Variante, dass Kinder selbst Soldat werden wollen. Es gibt aber auch die andere Variante, dass Dörfer überfallen und geplündert werden usw und Kinder dann zwangsrekrutiert werden, gegen ihren Willen sie können gar nicht anders sie werden einfach mit verschleppt, manchmal werden vielleicht ihre Familien vor ihren Augen ermordet, und es wird gesagt, wenn du nicht bekommst, passiert mit dir dasselbe, oder es wird angedroht, wenn du nicht mitkommst und Spionagedienste und Hilfsdienste für uns machst, und vielleicht in weiteren Stadien an der Waffe ausgebildet wirst und Überfälle mitmachst usw., dann wird es deiner Familie schlecht gehen, das wäre Zwangsrekrutierung.
Sprecher:
Kinder wurden auf dem Weg zur Schule entführt und so brutal behandelt, dass es ihnen später leicht fiel, selber Grausamkeiten zu begehen. In der Spirale der Gewalt sind sie Opfer und Täter zugleich. Kindersoldaten, die man versucht zu resozialisieren, werden manchmal von ihren Angehörigen abgelehnt, sie wollen nicht mit jenem Kind unter einem Dach leben, das Bluttaten begangen hat.
Sprecherin:
Mädchen, von  der Soldateska auf Kriegszügen erbeutet und mitgeschleppt, erwartet ein anderes Schicksal. Sie werden als so genannte Kriegsbräute bezeichnet, in Wahrheit sind sie den jeweiligen Anführern völlig ausgeliefert. Es  handelt sich um kaum verhüllte sexuelle Ausbeutung und Versklavung.
Sprecher:
Gisela Wuttke, Entwicklungssoziologin aus Münster, hat sich zunehmend mit der sexuellen Gewalt gegenüber Kindern und jungen Mädchen befasst, auch da wo sie zunächst nicht sichtbar ist. Wo man den armen Eltern auf dem Lande Hoffnung macht, dass ihre Tochter als Dienstmädchen in der Stadt einer besseren Zukunft entgegengeht und sie selber mit finanzieller Unterstützung rechnen können.
O-Ton, Gisela Wuttke:
Das sind eben diese neueren Entwicklungen im Zuge von Armut, im Zuge von zunehmender Abhängigkeit, aber auch im Zuge von Bürgerkriegen, aber auch im Zuge von wirtschaftlichen Entwicklungen wie sie zum Beispiel aus dem Tourismus resultieren, das immer mehr Eltern Anreize bekommen, ihre Kinder wegzugeben, um in Hotels oder in Privathaushalten zu arbeiten, oder eben, um sie in die Prostitution zu führen, was gleichzeitig natürlich ein großes Tabu ist, was nicht beim Namen genannt wird, in Thailand heißt es dann, dass die Tochter in den Süden gegangen ist.
... Es wird nicht gern ausgesprochen, weil es eine unangenehme Realität ist, und nirgendwo in der Welt wünschen sich Eltern, dass ihre Kinder in der Prostitution landen, aber wenn die Armut keine Alternative bietet und diese Kinder umworben werden, sie werden von den Touristen umworben und von den Mittelsmännern, die für Nachschub sorgen müssen, ... wenn es dann junge Mädchen sind, melden sich nicht zu Hause und erzählen von ihrem Alltag als Prostituierte, sondern erfinden manchmal regelrecht Geschichten, die sie ihren Eltern erzählen, um deutlich zu machen: ‚Ich bin eine gute Tochter, ich arbeite und verdiene Geld und ich unterstütze euch’ - Das ist die andere Tatsache, die dahinter steht, dass die Kinderprostituierten sehr häufig ihre Familie zu Hause unterstützen, die häufig kein eigenes Einkommen haben.
Sprecherin:
In ihrer Studie „Kinderprostitution, Kinderpornographie, Tourismus“ kritisiert Gisela Wuttke auch die Verharmlosung durch die herrschende Sprache. Sie lehnt es ab, von Sextourismus zu sprechen, da es sich in Anbetracht der Minderjährigen offensichtlich um eine sexuelle Ausbeutung, ja um Missbrauch handelt. Die Kinder haben aufgrund ihrer Lage nicht die Möglichkeit sich zu verweigern. Und statt einer regulären Bezahlung wie erwachsene Prostituierte erhalten sie nicht selten irgendwelche billigen Geschenke, CDs oder T-Shirts. Der Kinderprostitutionstourismus hat neue Länder erobert. Nach Thailand, den Philippinen und Sri Lanka, sind inzwischen Kambodscha, Brasilien, die Dominikanische Republik und Kenia hinzugekommen. Heute sind es eher die Länder der ersten Stunde, vor allem Thailand, wo man den Kindern zu helfen versucht.
O-Ton, Gisela Wuttke:
In einigen Ländern gibt es Zentren für Kinder, die erst einmal auf die Rehabilitation der Kinder setzen. Sie sind häufig körperlich krank, sie gehen ein ganz großes Risiko der HIV-Infizierung ein, weil die Männer - gerade diejenigen, die Kinderprostituierten benutzen, auf Kondome verzichten, also das was erwachsene Frauen in der Prostitution für sich durchsetzen können, können Kinder für sich noch lange nicht durchsetzen. Und die Männer bestehen darauf, keine Kondome zu benutzen. Die Kinder haben oft ein ganz schlechtes Blutbild, sind in einer schlechten gesundheitlichen Verfassung, weil sie zum Beispiel schnüffeln. Sie schnüffeln häufig Klebstoffe, sie nehmen zum Teil Drogen, sie haben sehr häufig Alkoholprobleme, weil das in diesem Milieu natürlich auch alles mit dazu gehört, sie sind seelisch verwundet, es werden Therapieansätze praktiziert mit diesen Kindern, und man versucht, Möglichkeiten zu finden, wie diese Kinder Tätigkeiten nachgehen können außerhalb des Milieus. Und das ist deswegen schwer, weil die Kinder häufig über viele Jahre gar kein anderes Leben kennen gelernt haben, als das in Abhängigkeit, als das in der sexuellen Dienstleistung, als das, sexuell ausgebeutet zu werden und anderen zu Diensten zu sein.
Lied
Kleine Hände (Bettina Wegner)
  Sind so kleine Hände
  winz’ge Finger dran. 
  Darf man nie drauf schlagen,
  die zerbrechen dann.
 
(......)
   Sind so schöne Münder , 
  sprechen alles aus.
  Darf man nie verbieten, 
  kommt sonst nichts mehr raus.
    
  (....)
Sind so kleine Seelen,
  offen und ganz frei.
  Darf man niemals quälen, 
  geh‘n kaputt dabei.
 
  Ist so’n kleines Rückgrat, 
  sieht man fast noch nicht.
  Darf man niemals beugen,
  weil es sonst zerbricht.
 
  Grade klare Menschen
  wär’n ein schönes Ziel.
  Leute ohne Rückgrat 
  hab’n wir schon zuviel.
Zitatsprecherin:
"Mein Name ist Marlyn, ich komme von den Philippinen und bin 18 Jahre alt. Ich war gerade 13 Jahre alt, als mich 1995 ein deutsches Ehepaar mit nach Deutschland nahm. Sie besorgten für mich die notwendigen Papiere, damit ich ausreisen konnte. In Deutschland angekommen wurde ich noch am gleichen Abend gezwungen, einen Kunden zu empfangen. Fast jeden Tag kamen Männer. Es war schrecklich. Ich wurde wie eine Gefangene gehalten. Die Tür meines Zimmers wurde nur aufgeschlossen, wenn man mir etwas zum Essen brachte oder ein Kunde kam. Zwei Monate war ich in Deutschland. Dann gaben sie mir 500,00 Mark und schickten mich zurück nach Manila. Sie haben sicher schon den Film "Tatort Manila" im deutschen Fernsehen gesehen oder zumindest davon gehört. Der Film handelt von mir, es wurde meine Geschichte nachgestellt, allerdings mit einem Jungen als Hauptdarsteller."
Sprecher:
Immer wieder verdrängt und totgeschwiegen, hat die Öffentlichkeit nun begonnen, über das Thema der sexuellen Ausbeutung und des Missbrauchs von Kindern hierzulande zu sprechen. Im Prozess gegen den Kindermörder Dutrout und seine Hintermänner in Belgien, falls er denn überhaupt jemals in Gang kommt, wird sich zeigen, ob die Gesellschaft bereit ist zu einer tiefergehenden Aufarbeitung oder sich nur einer zeitweiligen medienwirksamen Empörung überlässt.
Sprecherin:
Herrschaft-Knechtschaft ist kein exotisches Thema, das sich in andere Epochen und Kulturen verbannen lässt, es gehört vielmehr zu den dunklen Seiten unserer eigenen Gesellschaft. Opfer sind meist die Schwachen und Schwächsten, vor allem Kinder und junge ausländische Frauen.
Pino Arlacchi, der die internationale Verbrechensbekämpfung bei der UN leitet, weist daraufhin, dass die Globalisierung diese Probleme verschärft.
O-Ton, Pino Arlacchi (ital. Orig., dt. Übersetzungssprecher)
Die Globalisierung hat das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage enorm beschleunigt, dies gilt vor allem für die sexuelle Sklaverei. Die Transportkosten sind heute sehr niedrig, durch die Preisunterschiede für bestimmte Leistungen in den reichen und in den armen Ländern sind intensive Verbindungen entstanden. Frauen werden unter den Bedingungen illegaler Einwanderung von Ost- nach Mitteleuropa gebracht. Unter ähnlichen Konditionen werden Asiatinnen in der ganzen Welt angeboten. Das kostet heute sehr viel weniger als früher.
Die andere Form ist der Sextourismus. Hier treffen Angebot und Nachfrage direkt auf einander. Das gilt für die sexuelle Ausbeutung in Ländern wie Thailand oder die Philippinen. Das Angebot steigert die Nachfrage.
Sprecher:
Im Kreislauf des Menschhandels gilt aber auch umgekehrt: die hohe Nachfrage ruft nach weiteren Angeboten. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs boomt der Frauenhandel mit Osteuropa. Man schätzt dass inzwischen 90% der Frauen, die nach Westeuropa geschleust werden, aus Osteuropa stammt, für die Hälfte von ihnen ist Deutschland Ziel oder Durchgangsland.
Sprecherin:
Viele junge Frauen wollen der Misere in ihrem Heimatland entkommen, Wirtschaftsmigrantinnen, die für sich und ihre Familie Geld verdienen wollen. Die ominösen Anzeigen und Angebote der Anwerber, im Westen als Bardame, Tänzerin oder Serviererin im Dienstleistungsgewerbe zu arbeiten, trifft nicht in jedem Fall auf völlig naive ahnungslose Frauen. Manche wissen, dass sie sich ins Milieu der Prostitution wagen. Aber auch sie ahnen nicht, welch verhängnisvolle Rechtlosigkeit und maßlose Ausbeutung ihnen bevorsteht. Noch brutaler trifft es jene, die mit Gewalt in die Prostitution gezwungen werden.
O-Ton, Ulrike Mann:
Ganz grob lässt es sich damit umreißen, dass die Frauen häufig mit körperlicher Gewalt dazu gezwungen werden, – wenn wir von in die Prostitution gehandelten Frauen reden ... - sprich: diejenigen, die das so für sich nicht in Betracht gezogen haben, werden geschlagen, vergewaltigt, unter Druck gesetzt, es wird ihnen gedroht, dass zu Hause ihrer Familie, ihren Kindern etwas angetan wird, sie müssen Zeuginnen sein, wie anderen Frauen etwas angetan wird. Sicherlich spielt die Isolation eine ganz große Rolle, die Frauen sprechen in der Regel kein Deutsch, haben auch keine Chance das zu lernen, es wird ihnen jeglicher Außenkontakt verboten, zu telefonieren, Briefe zu schreiben, überhaupt Mitteilungen zu hinterlassen, wo man sich eigentlich befindet - das alles ist ein enorme Belastung für die Frauen, weil sie überhaupt nicht wissen, an wen sie sich wenden könnten.
Sprecher:
Ulrike Mann ist Vorsitzende der Organisation Terre des Femmes, einer Menschenrechtsorganisation für Frauen, die seit genau zwanzig Jahren besteht. Sie arbeitet wie Amnesty International mit ehrenamtlichen Städtegruppen. Terre des Femmes versteht sich nicht primär als Beratungs- oder Anlaufstelle für einzelne betroffene Frauen, sondern als eine politische Organisation, die mit Aufklärungskampagnen und Öffentlichkeitsarbeit gesetzliche und gesellschaftliche Veränderungen erreichen will.
Sprecherin:
Terres des Femmes und auch andere Menschenrechtsorganisationen weisen auf die Entrechtung hin, die vor allem illegal in Deutschland befindlichen Frauen de facto widerfährt, und zwar nicht nur den Zwangsprostituierten, sondern auch den Frauen, die in die Prostitution selber eingewilligt hatten. Frauen werden mit brutaler Gewalt oder mit dem Druckmittel der Anzeige zum Wechsel in andere Bordelle gezwungen, sie werden wie lebendige Ware weiterverkauft. Von dem Geld, das sie erwirtschaften, erhalten sie, wenn überhaupt nur einen Bruchteil. Vor allem unterbindet man alle Kontakte in die Heimat und aus dem Milieu heraus. Jegliche Form der Selbstbestimmung, zum Beispiel, wann sie aufhören möchten, wird ihnen genommen.
Musik:
Dead Indeed (Nils Petter Molvaer)
(Im folgenden unterlegen)
Sprecher:
Die Frauen befinden sich in einer verzweifelten Lage zwischen zwei Gewalten, zwischen der Mafia des Frauenhandels, die sie sexuell und ökonomisch ausbeutet, und einer Polizei, an die sie sich zwar wenden könnten, die sie dann aber als Illegale in die Nähe der Kriminalität rückt und mit Abschiebung bedroht. Diese Frauen erleben sich als rechtlos mitten im Rechtsstaat, als moderne Sklavinnen in einer Demokratie, die doch auf dem Respekt vor den Menschenrechten gegründet ist.
Sprecherin:
Das Damoklesschwert der Abschiebung treibt die Opfer zusätzlich in die Gewalt der Menschenhändler, - das hat endlich die Vereinten Nationen dazu bewogen, ein Duldungsrecht für Opfer des Menschenhandels zu vereinbaren. Pino Arlacchi, der stellvertretende Generalsekretär leitet die Abteilung der Internationalen Verbrechensbekämpfung.
O-Ton, Pino Arlacchi: (ital. Original, dt. Übersetzungssprecher)
In den westlichen Staaten ist die sexuelle Unterdrückung die verbreitetste. Im Protokoll, das wir kürzlich in Wien angenommen haben und das Teil der Konvention von Palermo gegen die Großkriminalität ist, haben wir eine wichtige Regel festgeschrieben: Wenn sich ein Opfer des Menschenhandels oder der sexuellen Versklavung an die Behörden wendet, hat es den Anspruch auf eine begrenzte Aufenthaltsgenehmigung, auf Beistand und auf eine Reintegration, das ist wichtig, weil damit die Kette, mit der das Opfer an den Sklavenhalter gebunden ist, zerbrochen wird. In Österreich, in Italien, vielleicht auch in Deutschland haben wir Beispiele dafür, dass diese Maßnahme wertvoll ist.
Sprecher:
Leider ist dieses Duldungsrecht in Deutschland keineswegs überall in einer Weise umgesetzt, die dem Schutz des Opfers und seinen Ansprüchen in vollem Umfang gerecht wird. Die Situation ist von Bundesland zu Bundesland sehr verschieden, wie Ulrike Mann erläutert:
O-Ton, Ulrike Mann:
Nordrhein-Westfalen ist relativ fortschrittlich, da ist es so, dass nach Razzien eigentlich allen Frauen erst einmal eine vierwöchige Aufenthaltsduldung zugestanden wird, damit sie selber erst einmal gucken können, wie es ihnen geht. Wollen sie als Klägerinnen auftreten, als Zeuginnen auftreten? Gibt es noch gewisse Dinge zu regeln? Wie sieht es aus, wenn sie in ihr Land zurückgehen? Und sie werden immer an eine Beratungsstelle verwiesen.
Diese dichte Netz an Beratungsstellen, wie wir es hier in NRW kennen, gibt es so in keinem anderen Bundesland. In vielen anderen Bundesländern ... sieht es so aus, dass ein Großteil der Frauen binnen 48 Stunden abgeschoben wird, und da ist es tatsächlich so, dass wir sagen, das kann nicht sein, diese Frauen haben anderes verdient, als dass sie ausgehoben werden, und dann mit Nullkomma-nichts zurückverfrachtet werden und dann überhaupt keine Chance mehr haben, eigene Ansprüche geltend zu machen, was aus dem Ausland so gut wie unmöglich ist.... und da macht sich unsere Gesellschaft und der Staat ein gewisses Stück der Komplizenhaftigkeit mitschuldig, weil da nicht konsequent nachgedacht wird, wie diese Mechanismen zusammenhängen, von Wirtschaftskreislauf, Geldern, wer verdient und wer bezahlt eigentlich dafür.
Sprecher:
Die Frauen haben aus dem Ausland heraus kaum eine Chance, finanzielle Ansprüche gegen Bordellbesitzer, Zuhälter und Menschenhändler geltend zu machen. Durch die schnelle Abschiebung wird die ökonomische Ausbeutung der Frauen praktisch besiegelt.
Sprecherin:
Terre des Femmes macht vor allem auf die Isolation aufmerksam, in denen sich die Frauen befinden. Es schwächt, wenn man sich mit keinem über die eigene Situation verständigen, und dabei Anteilnahme, Unterstützung und Hilfe finden kann. Isolation ist wie ein Gefängnis ohne Mauern. Durchbrechen könnten diese Isolation Ärzte und Krankenhäuser. Dort besteht gegenüber der Behandlung von Illegalen vielfach Unsicherheit und Unwissen. Tatsächlich ist die medizinische Versorgung von illegal in Deutschland sich aufhaltenden keineswegs strafbar, das Recht auf Gesundheit bildet ein Menschenrecht, ebenso besteht auch keine Meldepflicht für Ärzte, aber die Frage der Bezahlung ist ungeklärt.
Sprecher:
Menschenrechtsorganisationen fordern deshalb Abschreibungsmöglichkeiten für Ärzte und Krankenhäuser einzurichten, damit sie den Opfern uneingeschränkt helfen können.
Neben den Menschenrechtsverletzungen gegenüber illegalen Migrantinnen gibt es eine Diskussion über die Gefährdung der Straßenkinder in Deutschland.. Christel Adick, vergleichende Erziehungswissenschaftlerin in Bochum, die über das Phänomen Straßenkinder und Kinderarbeit forscht, rät zunächst einmal genauer zu klären, um welche Gruppe es sich handelt. Der Begriff Straßenkind wird auf eine breite Skala von Kindern und Jugendlichen angewandt, die sich  auf der Straße aufhalten. Das reicht von kurzfristigen Ausreißern, über zeitweilige Aussteiger, die aber nicht mit ihrer Familie gebrochen haben, bis hin zu jenen Kindern, die dauerhaft auf der Straße leben, die so genannten Trebegänger.
Sprecherin:
Diese Straßenkinder im engeren Sinne haben keinen festen Wohnsitz, sind nicht polizeilich gemeldet, haben dementsprechend auch nicht die Möglichkeit, reguläre Arbeit aufzunehmen. Adick schätzt diese Gruppe auf 7000 bis 10.000 in der Bundesrepublik, nicht so hoch wie mitunter in den Medienberichten behauptet wurde. Gisela Wuttke, Entwicklungssoziologin aus Münster warnt, dass diese Straßenkinder in Ausbeutungs- und Abhängigkeitsverhältnisse geraten.
O-ton, Gisela Wuttke:
Selbst wenn es nur eine ganz kleine Zahl ist, die hier betroffen sind, ist der Missstand so groß, dass wir uns damit zu befassen und auseinander zu setzen haben.  Bei den Straßenkindern, bei den weiblichen ist es so, dass sie umso länger sie auf der Straße sind, umso größer die Gefahr, dass sie über Zuhälter, über den Straßenstrich, über die Übernachtung, die sie auch suchen, dass sie in sexuelle Ausbeutungsverhältnisse geraten, d.h. es wird immer darum gehen, die Zeit, in denen Kinder diesen Gefährdungen ausgesetzt sind, möglichst klein zu halten, möglichst immer zu versuchen, Angebote zu schaffen, die sie am Leben halten und davon abhalten sich Zuhältern auszuliefern, oder Männern auszuliefern, die ihre Situation ausnutzen. Und dass tun sie gnadenlos, wenn diese Kinder eine Übernachtung suchen, dann bekommen sie diese Übernachtung privat und inoffiziell nur gegen Leistung, und diese Gegenleistung ist Sexualität, das ist etwas, was eine Realität ist, ... so dass wir uns auch damit beschäftigen müssen, wenn nur sehr wenige betroffen sind.
Lied:
Teen-Age Prostitute (Frank Zappa)
She’s only seventeen
She’s really sort of cute
She’s working in the street
She’s a teen-age prostitute.
She ran away from home
Her mom was destitute
Her daddy doesn’t care
She’s a teen-age prostitute.
Sprecher:
Der moderne Sklaverei ist mittlerweile ein Skandal, d.h. sie hat Aufmerksamkeit und Empörung auf sich gezogen. Sie ist ins Blickfeld von Sozialwissenschaftlern gerückt, hat zu Ausstellungen geführt und im Kampf für die Menschenrechte zahlreiche Initiativen auf den Plan gerufen. Eine Reihe von Organisationen und Initiativen hat nun ihre Kräfte gebündelt zur – so der Titel -Europäischen Aktion zur Überwindung von Sklaverei und Zwangsarbeit. Diese Allianz reicht von der Anti-Slavery-International in London, das ist die älteste Organisation im Kampf gegen Sklaverei, über das DGB-Bildungswerk, die Kindernothilfe bis hin zu Terre des Femmes und dem Evangelischen Entwicklungsdienst.
Sprecherin:
In Deutschland wird die Aktion koordiniert von der Werkstatt Ökonomie in Heidelberg. Dort erhält man Informationsmaterial und Arbeitsblätter für den Unterricht, vor allem die aktuelle Broschüre„Zwangsarbeit und Sklaverei im 21. Jahrhundert“. Die Schrift durchkreuzt die Illusion, es gäbe einen großen Fortschritt bei der Durchsetzung der Menschenrechte.
Sprecher:
"Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten" - so beginnt Rousseaus Schrift "Vom Gesellschaftsvertrag", worin der Philosoph gegen herrschende Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit ein besseres Gemeinwesen entwarf, in dem alle Menschen frei und gleich sind.
Aufklärung und Freiheitskampf ließen nicht locker bis, die alte Form der Sklaverei abgeschafft und endgültig ausgerottet schien. Doch zu Beginn des 21. Jahrhunderts stellen wir fest, dass nicht einmal die alte Sklaverei vollständig überwunden ist.  Jüngst, auf der Anti-Rassismus-Konferenz im südafrikanischen Durban lehnten es die USA ab, sich zu ihrer historischen Schuld in der Sklavereifrage zu bekennen. In der Gegenwart sind neue Formen mit  noch größeren Dimensionen hinzugekommen. Die moderne Sklaverei vergibt keinen Besitztitel, aber sie verleiht Verfügungsmacht über den anderen, die Verfügungsmacht, ihn ökonomisch und sexuell auszubeuten und in faktischer Rechtlosigkeit zu halten: von Schuldknechtschaft und Zwangsarbeit über die Ausbeutung von Kindern bis hin zur Zwangsprostitution.
Sprecherin:
Sklaven im traditionellen Sinne zu besitzen sei nicht mehr nötig, ja nicht einmal wünschenswert, meint der amerikanische Sklaverei-Forscher Kevin Bales. Viel effizienter sei es doch, im Sinne des modernen Wirtschaftens, eines Just-in-time-Management, die Menschen dann zu benutzen wenn man sie braucht und sich ihrer zu entledigen, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Die Dritte Welt, aber ebenso die Ränder unserer Gesellschaft, liefern genügend Nachschub für dieses Geschäft: Menschen als Ware, als Wegwerfware.
Bales resümiert:
Zitator:
"Auf meinen Reisen durch alle Weltgegenden, um die neue Sklaverei zu erforschen blickte ich hinter die Masken der Legalität, und ich sah Menschen in Ketten. Natürlich sind viele überzeugt, so etwas wie Sklaverei gebe es nicht mehr, und noch vor ein paar Jahren zählte auch ich zu ihnen."
Lied:
Jim Crow (The Union Boys)
Lincoln set the Negro free,
why is he still in slavery...