Atmo:
Flughalle mit Ansagen
Sprecherin:
Urlaub – Kein Traum kann schöner sein. Raus aus dem Alltag, Schluss mit Stress, Regen, und Kälte! Heben Sie mit uns ab, der Sonne entgegen. Wir legen Ihnen die Welt zu Füßen. Was darf’s bitte schön diesmal sein: Andalusiens Städte, Australiens Outback oder lieber tibetanische Klöster? Eine Kreuzfahrt auf dem Nil vielleicht oder einfach mal Ferien auf dem deutschen Bauernhof?
Möchten Sie relaxen oder aktiv reisen? - Wie hätten Sie es gern? Allein, mit Freunden oder Familie? In den Robinson-Club, ins Wellness-Hotel oder auf eine Rundreise, die keinen Tempel auslässt?
Sprecher:
Der Reisemarkt bietet heute jeden Winkel der Erde an. Und schneidert den Urlaub maßgerecht für alle Globetrotter zu, Urlaubskasse vorausgesetzt.
Denn das Reisen, früher nur Privilegierten vorbehalten, ist nach dem Zweiten Weltkrieg in den westlichen Industrieländern zu einem Massenphänomen geworden.
Die Welttouristikorganisation zählte im vergangenen Jahr 689 Millionen touristische Flüge weltweit. Auch bei den Deutschen ist die Urlaubslust ungebrochen, so Professor Christoph Becker, der Fremdenverkehrsgeografie an der Universität Trier lehrt:
O-Ton, Christoph Becker:
Ungefähr 77% der Deutschen unternehmen jedes Jahr mindestens eine Reise. Die Trends des Reisens gehen vor allem dahin, dass immer häufiger gereist wird, dass häufig nicht nur eine Reise unternommen wird, sondern auch Zweit- und Drittreisen und noch weitere Kurzreisen im Jahr, dafür sind diese Reisen aber kürzer, also man kommt so ein bisschen ab von der langen Urlaubsreise.  Daneben wird aber auch immer weiter gereist: die Distanzen werden immer größer, deshalb wird auch das Flugzeug immer häufiger benutzt, zumal das Flugzeug auch relativ schnell ist und große Entfernungen überwinden kann.
Sprecherin:
Der Tourismus bildet weltweit den drittgrößten Wirtschaftszweig nach der Automobil- und der Erdölindustrie. Allerdings hat sich die steile Wachstumskurve in den letzten Jahren abgeflacht. Und auch der 11. September hinterließ im Tourismus seine Spuren: Reiseveranstalter klagen über Rückgange bei Fernreisen. Inzwischen gibt es zu der Frage, ob sich das Reiseverhalten nach den Terroranschlägen des 11. September verändert hat, erste wissenschaftliche Untersuchungen. Die Ergebnisse hat das Hamburger BAT-Freizeitforschungsinstitut, geleitet von Horst Opaschowski, veröffentlicht:
O-Ton, Horst Opaschowski:
Wir haben im Januar, teilweise auch schon im Dezember Befragungen durchgeführt, können diese Befragungen auch vergleichen mit der Golfkrise 1991. Und der wirkliche harte Kern, der auf Reisen verzichtet hat, liegt bei vier bis fünf Prozent. Alle anderen halten an ihren Reiseplänen fest, variieren allenfalls das Verkehrsmittel, ansonsten hoffen sie darauf, dass die Krise bald vorbei geht, und wechseln dann eben das Reiseziel: statt Tunesien wird dann eben Griechenland gewählt, und dann ist die Welt wieder in Ordnung.
Sprecher:
Warum liegt den Menschen so viel am Reisen, dass sie selbst in unsicheren Zeiten und in der Rezession, den Rotstift lieber woanders ansetzen als beim Urlaub. Nicht zufällig spricht man von den schönsten Wochen des Jahres. Die Urlaubsreise – das scheint die populärste Definition von Glück zu sein.
Sprecherin:
Philosophen und Kulturhistoriker gehen in ihrer Erklärung noch weiter. Die Mobilität, der Drang zur Bewegung sei im Menschen tief verwurzelt. Ja, das Leben selber ist immer wieder unter das Sinnbild der Reise gestellt worden.  Das Leben ist eine Reise – schreibt der spanische Philosoph Ortega y Gasset. Horst Opaschowski sieht in der Reiselust eine anthropologische Konstante:
O-Ton, Horst Opaschowski:
Die Menschen waren mobil ehe sie sesshaft wurden, und die Mobilität ist sozusagen im Menschen angelegt, ist ein urmenschliches Bedürfnis. Und die ganze Menschheitsgeschichte ist auch immer eine Geschichte der Wanderungen oder der Reisen gewesen. Ob wir nun die Kreuzzüge sehen oder die Pilgerfahrten oder die Entdeckungsreisen, die Abenteuerreisen, die Jugendbewegung, den Wandervogel, letztlich bis hin zur Entstehung des modernen Tourismus nach dem Zweiten Weltkrieg. Ich glaube den Menschen kann es noch so gut gehen, die eigenen vier Wände können noch so komfortabel eingerichtet sein, am Ende droht vielen doch die Decke auf den Kopf zu fallen und sie müssen raus. Und dahinter steht auch ein wenig die Angst, im Leben etwas zu verpassen. Draußen geht die Post ab, und ich bin nicht dabei.
Sprecher:
Allerdings enthüllt ein Blick zurück in die Kulturgeschichte, wie sehr sich Reisen im Laufe der Zeit gewandelt hat, was Motive, Reiseformen und Verkehrsbedingungen angeht. Auch in der Frage, welche soziale Schicht reiste, gibt es große Unterschiede, und in welchem Maße Zwang oder Freiheit dabei regierten.
Sprecherin:
Die ersten Reisenden verlieren sich im Dunkel der Vorgeschichte. Man vermutet, dass sie aus Afrika, wo wohl die Wiege der Menschheit stand, nach Asien, Amerika und Australien wanderten. In den späteren Migrationsschüben ging es auch um die Eroberung fremder Lebensräume, d.h. die Mobilität war oft im Bunde mit Aggression und hat Kriege provoziert.
Sprecher:
Davon künden die ältesten Mythen. Wir lesen, dass Gilgamesch, König von Uruk und Held des altbabylonischen Epos, zu einem Feldzug in den Libanon aufbrach.
Und Odysseus, ein anderer früher Reisender und Held des Trojanischen Kriegs war nicht aus freien Stücken viele Jahre unterwegs, sondern aufgrund eines Götterfluchs. Er war ein Abenteurer wider Willen, und seine Reise eine endlose Irrfahrt, auf der er alle Gefährten verlor. Odysseus hatte wenig Sinn für den Reiz der Fremde, er trachtete einzig danach,  wieder in die Heimat zu gelangen, nach Ithaka, zu Frau und Kind.
Sprecherin:
Die Odyssee spiegelt die Auffassung der Antike wider: Reisen, so dachte man, ist eine Mühsal und ein ungnädiges Schicksal, das den Menschen sinnlos umhertreibt.
Sprecher:
In der Spätantike gab es ein ausgebautes Straßennetz. Hier entstand tatsächlich ein dem modernen Tourismus vergleichbares Reisen um des Vergnügens und der Erholung willen, freilich nur für die Oberschichten. Reiche Bürger Roms verließen die stickige Metropole und begaben sich in die Sommerfrische, sie besuchten Sehenswürdigkeiten der Antike, zum Beispiel die Ägyptischen Pyramiden, oder fuhren – wie im modernen Gesundheitstourismus - zu weit entfernten  Heilquellen.
Sprecherin:
In den Wirren der Völkerwanderung zerfielen die ausgebauten Römerstraßen. Und mit dem Untergang des römischen Reiches ging auch die Rechtssicherheit verloren, die den riesigen Verkehrsraum geordnet hatte.
Sprecher:
Im frühen Mittealter bewegte sich nur, wer musste.
Das traf allerdings für einen beträchtlichen Teil der Gesellschaft zu. Viele Arme verbrachten ihr Leben buchstäblich auf der Straße, da sie kein Zuhause, kein Obdach hatten. Sie zogen als Hausierer umher, boten Gelegenheitsdienste an oder bettelten. Nicht viel besser ging es den so genannten Vaganten, das waren fahrende Schüler unterwegs zu den neu gegründeten Universitäten und Geistliche auf der Suche nach einer Anstellung.
Sprecherin:
Auch die Könige und Kaiser mussten reisen. Karl der Große besaß keine Residenz im modernen Sinne. Seine Macht beruhte auf  leibhaftiger Präsenz, indem er vor Ort erschien, Hof hielt und Recht sprach, Lehen vergab und Verwalter einsetzte, bevor er weiterzog.
Sprecher:
Eine weitere bedeutende Gruppe von Reisenden bildeten die Pilger. Sie zogen auf dem Jakobsweg ins spanische Santiago de Compostela und nach Palästina, ins Heilige Land. Sie taten es für ihr Seelenheil. Aber ihr Wallfahrtslied  – In Gottes Namen fahren wir – stimmte man auch auf Kreuzzügen an, als Kampfgesang gegen die so genannten Ungläubigen.
Musik:
Pilgerlied: In Gottes Namen fahren wir ... (Lied Nr. 18)
Sprecherin:
Was für das Mittelalter galt, blieb auch für die frühe Neuzeit bestimmend. Reisen war anstrengend und gefährlich. Niemand brach zu seinem Vergnügen auf, resümiert Wolfgang Griep, der eine Forschungsstelle für Reiseliteratur in Eutin leitet:
O-Ton, Wolfgang Griep:
In früheren Zeiten reiste man nicht ohne einen kräftigen Anlass. Entweder war es in einem Auftrag von einem Landesherren, Soldaten beispielsweise. Es war im Auftrag irgendeiner göttlichen Fügung oder einer göttlichen Buße, dann waren es die Pilger, oder es war im Auftrag von Handelsbeziehungen ... Kaufleute, Händler, Schifffahrer, Transportunternehmer. Diplomaten reisten natürlich auch. Also keine Reise ohne einen entsprechenden Anlass, der auch gravierend genug sein musste, um das sichere Haus zu verlassen und sich in eine ungewisse Fremde zu begeben.
Sprecher:
In der Renaissance wurde aber auch der Wunsch nach geistiger Selbständigkeit und Entfaltung der Persönlichkeit zu einem mächtigen Impuls. Die Humanisten des 15. Jahrhunderts, Erasmus von Rotterdam, Konrad Celtis, Ulrich von Hutten und andere fuhren zu Studienaufent­halten nach Italien. Rei­sen bedeutet - etymologisch - aufbrechen, und die humanistische Bewegung war selbst ein Aufbruch. Dem neuzeitlichen Individuum, das sich von den mittelalterlichen Autoritäten der Kirche und der Tradition befreien und auf sich selbst stellen wollte, ge­lang diese Emanzipation in besonderem Maße durch das Reisen. Rei­send bildete und festigte sich das neuzeitliche Ich.
Sprecherin:
Auch der Adel wusste um den Wert des Reisens und schickte seine Söhne auf die so genannte Grand Tour zu den Höfen Europas, eine Art Bildungsreise für die Aristokratie. Wolfgang Griep:
O-Ton, Wolfgang Griep:
Im 17. Jahrhundert wird es zur Norm, dass die Adligen eine Reise unternehmen müssen, um ihre praktische Ausbildung abzuschließen, sich an den französischen vorbildlichen Höfen gesellschaftlich bilden müssen, gesellschaftliche Konversation, auch Diplomatie lernen müssen. Dass sie in Italien beispielsweise Rechtswissenschaft lernen müssen, in England sich mit der Politik auseinandersetzen müssen, das ist eine tradierte Norm, die bis ins 19. Jahrhundert hinein reicht. Das sind die frühen Bildungsreisen.
Sprecher:
Die Zünfte der Handwerker sahen es als notwendig an, dass der Nachwuchs, bevor er in der Heimatstadt einen Meisterbrief erhielt, anderswo berufliche Erfahrungen sammelte, so wie das deutsche Wort ‚erfahren’ ja auch von ‚fahren’ abgeleitet ist. Die Handwerksburschen gingen auf die Walz, und dieses Wanderleben gefiel ihnen anscheinend recht gut. Jedenfalls klagte 1674 der anonyme Verfasser eines Reisebuchs über die "reißgierigen Teutschen", bei denen der "Handwerker und fast jedermann, dem etwa die Mutter zehn Heller in die Sparbüchs gesammelt, reisen" würde, nur weil "unter den Quali­täten eines geschickten Mannes das Reisen mit erfor­dert" werde.
Musik:
Lied der Handwerksgesellen: Er, er und er, der Meister lebe wohl ... (2. Strophe)
Sprecherin:
Freiheitsdrang und Reiselust dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass das  Reisen weiterhin mühselig war und die Fremde viele Fährnisse enthielt, denen man ungeschützt ausgesetzt war. Man konnte Räubern in die Hände fallen oder - nicht minder fatal - den Werbeagenten der Armee, die mit lauteren wie unlauteren Mitteln Jagd auf neue Rekruten machten.
Sprecher:
Nie wusste man, wann man sein Ziel erreichte. Reisen hieß aufbrechen und hoffen, dass man irgendwann heil ankam. Die Situation besserte sich erst, als im 17. Jahrhundert nach dem verheerenden 30jährigen Krieg allmählich ein organisiertes Postkutschennetz mit festen Routen und geregelten Zeiten entstand. Aber nach einem Tag in der Postkutsche, über holprige Straßen und verschlammte Wege, fühlte man sich buchstäblich wie ‚gerädert’. Und auch die Kutschenfahrt blieb ein Wagnis, selbst für den mächtigsten Herrscher  der Zeit, den französischen Sonnenkönig Ludwig IVX.
O-Ton, Wolfgang Griep:
Ludwig XIV wäre einmal beinahe in einem Fluss ertrunken, weil er die Furt verpasst hat, die Kutsche umgekippt ist und er im geschlossenen Kutschenwagen saß und nicht mehr rauskonnte. Es gehörte zu den alltäglichen Realitäten einer damaligen Reise, dass die Achse brach, dass die Kutsche umfiel, dass sie den Abhang hinunterfiel ... da  gab es keine Sicherungen, da gab es keine Gesellschaft, die da noch das Netz ausspannte. das war die alltägliche Reiserealität. Natürlich gab es wilde Tiere, natürlich war auch bis ins weite 19. Jahrhundert hinein die Gefahr des Verirrens sehr groß, und das war lebensbedrohlich. Da kam man nicht an ein Haus, wo man klopfen konnte und telefonieren. Da konnte man tagelang bis zu seinem Hungertod in wilden Gegenden herumirren, und das konnte genauso gut die Eifel wie der Westerwald wie der Hunsrück sein. Das musste nicht auf einer einsamen Insel passieren.
Sprecherin:
Unsere moderne Vorstellung von Reisen setzt den Triumph von Mensch und Technik über die Natur voraus  - bis ins 19. jahrhundert hinein galt jedoch umkehrt die Natur als übermächtig. Insbesondere das Hochgebirge flößte den Menschen großen Schrecken ein, seine unberechenbare Witterung, die Ödnis und Unwirtlichkeit bereitete Angst. Der Aufklärer Voltaire nannte die Alpen ein hässliches Bollwerk, das die Völker voneinander trenne und am besten abgetragen werden sollte. Erst langsam kam gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein Umwertungsprozeß in Gang, in dem sich, so der Freizeitforscher Horst Opaschowski, das Verhältnis zur Natur wandelte:
O-Ton, Horst Opaschowski:
Im Grunde genommen hat es mit der Besteigung des Mont Ventoux des Dichters Petrarca eigentlich so die erste positive Äußerung zur Schönheit der Bergwelt gegeben, dem schloss sich dann später Rousseau an, dann der deutsche Dichter Haller, sie führten dazu und bewirkten, dass dann auch eine zunehmende Zahl von Bildungs­reisenden sich aufmachte, bis zu Goethe und anderen und ein Loblied auf die Bergwelt und die Schönheit der Natur sangen, bis dahin war Reisen eigentlich nur beschwerlich, etwas was man möglichst vermied, und es gibt ja auch in der Neuzeit Menschen genug, wie Immanuel Kant, die ihr Königsberg nie verlassen ha­ben, also freiwillig auch nicht dazu bereit gewesen wären.
Sprecher:
Immanuel Kant verschlang gierig Reiseromane und ethnografische Berichte, wie sie im 18. Jahrhundert in Mode kamen, doch selber gereist ist er nicht. Königsberg war seine Königsburg der Rationalität. Kant verkör­perte einen philosophischen Typus, der eine unbedingte Selbst­beherrschung und rationale Kontrolle anstrebte und der deshalb seinen Alltag in geradezu zwanghafter Weise ordnete und ritua­lisierte. Daraus spricht eine Angst vor dem Anderen, vor einer Begegnung, in der sich Unvorhersehbares ereignen könnte. Reisen jedoch bedeutet gerade, sich dem Unvorhersehbaren zu öffnen, sich Situationen der Irritation auszusetzen, der psychischen Verunsicherung, vielleicht sogar der physischen Gefährdung in der Fremde. Und zu Zeiten Kants begann die Fremde buchstäblich hinter der nächsten Ecke, wie Wolfgang Griep erläutert:
O-Ton, Wolfgang Griep:
Im 18. Jahrhundert war, wenn man in die Kutsche stieg, eigentlich schon der Ort, den man von dem Kirchturm des eigenen Ortes nicht mehr sehen konnte, ein fremder Ort ... Das heißt, die Fremde beginnt hinter der nächsten Ecke.
Die großen Welt- und Eroberungsreisen, da müssen wir schon wieder einen ganz anderen Begriff von Fremde ansetzen. Das waren Kulturen, die in keiner Weise mit der Ausgangskultur, aus der man kam, kompatibel waren. ... da musste man ganz neue Mechanismen entwickeln, um mit solchen Leuten in Kontakt zu kommen. Gutes Beispiel ist die Weltreise von Käptn Cook und Johann G. Forster, deren Versuche, Kulturen zu beschrieben, die sie vorher überhaupt noch nicht gekannt haben. Und man merkt deutlich, die Fremde wird nur beschreibbar im Spiegel des Eigenen. Die Südseeinsulaner sind für Forster antike Figuren. Er nimmt die antike Vergangenheit um zu beschreiben, was er da eigentlich sieht. ... Die Gesellschaftsform, die er mitkriegt, diese demokratisch oder auch hierarchisch strukturierten Familienverbände werden mit den griechischen Poleis gleichgesetzt oder den römischen Ausgangspunkten, ... Das ist das Paradies auf Erden, und zwar das antike Paradies.
Sprecherin:
In Forsters Reiseberichten wird die Stimme einer Zivilisationskritik hörbar, die bis heute in den Träumen vom Reisen nachklingt. Es ist eine Gegenstimme zur Aufklärung, zu jener Bewegung, die das 18. Jahrhundert bestimmt. Die Aufklärung will die Welt nach den Prinzipien der Vernunft ordnen, mittels Verstand und Wissenschaft die Natur unterwerfen. Darin verheißt sie Humanität und Fortschritt.
Sprecher:
Doch von Anfang an ist die Aufklärung von Kritik begleitet, am nachhaltigsten artikuliert sie Jean-Jacques Rousseau. Die Welt, so Rousseau, leide nicht an einem Mangel an Vernunft, vielmehr an ihrer Entfernung von der Natur und vom ursprünglichen Leben.
Sprecherin:
Die Reisebeschreibungen Johann Georg Forsters, der James Cook auf seinen Pazifikreisen begleitete, und andere ethnografische Berichte aus dieser Zeit schienen Rousseaus Credo „Zurück zur Natur’ zu bestätigen. Tahiti, Hawai und andere Südseeinseln wurden in den Reiseberichten als irdische Paradiese gepriesen. Der französische Weltumsegler Louis-Antoine de Bougainville beschrieb die Menschen von Tahiti als ‚sanft und gutmütig’. Inmitten paradiesischer Üppigkeit litten sie keinerlei Mangel und könnten ungehindert ihrer Sinnenlust nachgehen. Erst im 20. Jahrhundert haben Völkerkundler dieses Bild korrigiert. Sie schreiben, dass sie in der Südsee autoritär strukturierte  Gesellschaften mit einem strengen Keuschheitskult vorgefunden hätten.
Sprecher:
Aber die Mythen vom edlen Wilden und vom exotischen Paradies leben weiter. Und die Vorstellung, in der Ferne ein ursprüngliches Menschsein wieder zu finden, ein Leben ohne Druck und falsche Verpflichtungen, nährt eine tiefe Sehnsucht. Ihr Abklatsch findet sich noch in jeder Tourismuswerbung.
Sprecherin:
Rousseaus Zivilisationskritik wurde von der Bewegung der Romantik aufgegriffen und weiter entfaltet. Das romantische Unbehagen galt der Entzauberung der Welt durch Wissenschaft und Technik, ihrer Kommerzialisierung durch den wachsenden Kapitalismus. Die romantischen Dichter reagierten auf die Zeichen neuer Entfremdung: die beginnende Vermassung des städtischen Lebens, die steife Bürgergeselligkeit der Salons und Bälle. Sie suchten einen Weg zurück zu sich selbst und fanden ihn draußen – in der Natur. War es vorher bitteres Los der Ärmsten, sich zu Fuß fortzubewegen, so kommt nun das Wandern regelrecht in Mode. Der Wanderer ist der Natur nahe, er kann sie mit allen seinen Sinnen erleben, und dabei sich selbst im Einklang mit dem Ganzen fühlen.
Musik:
Wanderung (Robert Schumann)
O-Ton, Wolfgang Griep:
In der Romantik wird die Natur zum Gegensatz von Zivilisation. Unberührte Natur, ein Landschaftserlebnis, dass einen noch einmal in die unmittelbare Natur hineinstellt, ... Das ist eine Sache, die auch sehr stark nicht nur mit den philosophischen Grunderkenntnissen und einer philosophischen Grundhaltung zu tun hat, wir halten der Zivilisation den Spiegel vor, indem wir das Ursprüngliche wieder betonen, sondern die auch mit Reisebedingungen zu tun hat. Man kann die Natur erst dann genießen, wenn sie ungefährlich geworden ist, wenn die wilden Tiere heraus sind, wenn das Bedrohliche fort ist. Wobei man bei Eichendorff, bei Tieck immer noch den bedrohlichen Unterton hat. Gerade Eichendorff, der schöne Naturschilderungen hinterlassen hat, hat eben auch, als er im Harz unterwegs war, einige sehr bedrohliche Erlebnisse gehabt, die er in Briefen geschildert hat, aber nie dichterisch umgesetzt hat. Er musste einmal lange durch das schöne Selketal laufen, weil ein Wildschwein hinter ihm her war.
Sprecher:
Während die Romantik noch die Nähe zur Natur suchte, aber auch verklärte, begann ein neues Verkehrsmittel das Reisen zu revolutionieren. Seit den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts erschloss die Eisenbahn mehr und mehr den zentraleuropäischen Raum. Die Zeitgenossen hatten das durchaus zwiespältige Gefühl, wie ein Geschoss durch den Raum zu fliegen. Anfangs klagten manche über Kopfschmerzen, weil sie die Blumen entlang dem Schienenstrang anschauen wollten, anstatt den Blick in die Ferne zu richten. Die neuen Züge brachten die Bürger von Paris zur Cote d’Azur, von London nach Brighton, wo schon im 18. Jahrhundert das erste Seebad entstanden war. Die Zahl der begüterten Bürger, die sich eine Reise leisten konnten, stieg rapide an. So formte sich ein spezifisch bürgerlicher Tourismus der Erholung, aber auch der  luxuriösen Muße.
Sprecherin:
Die Zumutungen des Reisens versuchte der Touris­mus jedoch auszuschließen. Tour meint etymologisch eine kreisförmige Bewegung, die Tour soll den Touristen seelisch unverändert wieder an seinen Ausgangspunkt zurückbringen.
Der existentialistische Schriftsteller Paul Bowles hat in sei­nem Roman 'Himmel über der Wüste' einen typologischen Unter­schied zwischen einem Touristen und einem wahrhaft Reisenden formuliert:
Sprecher:
"Während der Tourist gewöhnlich nach einigen Wochen oder Monaten nach Hause dränge, bewege sich der Reisende, der keinem Ort zugehöre, langsam, jahrelang, von einem Erdteil zum anderen." Ein weiteres, wichtiges Unterscheidungskriterium liegt Bowles zufolge darin, dass der Tourist "seine eigene Zivi­lisation akzeptiere, ohne an ihr zu zweifeln. Nicht so der Rei­sende, der sie mit anderen Zivilisationen vergleiche und Ele­mente ablehne, die nicht nach seinem Geschmack seien." Bowles Unterscheidung möchte der Frankfurter Ethnologe und Schrift­steller Hans-Jürgen Heinrichs, der selbst sehr viel gereist ist, modifizieren.
O-Ton, Hans-Jürgen Heinrichs:
Die Unterscheidung ist nicht falsch, aber sie ist natürlich auch vorläufig und sie hat etwas Vorurteilhaftes an sich. Der Reisende ist natürlich auch Tourist. Also man darf sich darüber keine Illusionen machen, man ist auch als leidenschaft­licher Reisender ein Teil des Tourismus. Vor allen Dingen wie man heute reist und auch die Verkehrsmittel benutzt, die auch die Touristen benutzen. Dennoch gibt es natürlich einen Unterschied und ich würde ihn etwas tiefer fassen, als Paul Bowles ihn fasst. Für mich ist der Reisende jemand, der triebhaft verbunden ist mit dem Reisen, für den es eine Notwendigkeit gibt im Reisen, der aus einer tiefen inneren Motivation, die ihm in der Regel gar nicht selbst bewusst ist, und die ihm vielleicht erst im Laufe der Jahrzehnte oder vielleicht erst retrospektiv also im Nachhinein bewusst wird. Der Reisende ist gleichsam auf der Spur, der Suche seiner selbst und vielleicht gibt er irgendwann das äußere Rei­sen auf und beginnt die Suche nach dem, was er im Außen gesucht hat in sich selbst zu suchen.
Sprecherin:
"Der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die Welt herum" - mit diesem Leitwort überschrieb Hermann Graf Keyserling sein "Reisetagebuch eines Philosophen", nachdem er sich 1911 auf seiner Weltreise mit der asiatischen Denk- und Glaubenswelt nicht nur theoretisch auseinandergesetzt, sondern sich ihr ge­genüber auch im Erleben geöffnet hatte.
Sprecher:
Die Frage nach der eigenen Identität, Selbstfindung und Selbst­verlust in der Fremde, bildet eine existentielle Thematik, die meist untergründig mitschwingt, während an der Oberfläche andere Reisemotive hervortreten: Flucht aus dem Alltag, Erholungsbedürfnis, Lust auf Abwechslung und Abenteuer, auch Prestigewünsche spielen eine Rolle. Früher konnte man mit den Kanarischen Inseln imponieren, heute müssen es schon die Malediven sein. Aber hinter allen durchsichtigen Motiven bleibt ein undurchschaubarer Rest, eine Faszination des Reisens, die unauflöslich scheint.
O-Ton, Hans-Jürgen Heinrichs:
Von Pascal stammt ja dieses berühmte Wort, das ganze Unglück des Menschen käme daher, dass er nicht zu Hause bleiben könne. Was bedeutet das? - Es bedeutet, dass es etwas Triebhaftes gibt, den Wunsch in der Fremde etwas zu finden, was man in der eige­nen Kultur nicht findet, ... Für mich ist der tiefste Grund, dass man so etwas wie eine Resonanzbeziehung sucht, also etwas, was in einem selbst sehr vage vorstellbar ist, dass das eine Entsprechung findet in der Art, wie Menschen in einer anderen Kultur sich zueinander verhalten. Also ich zum Beispiel habe bei den Tuareg in der Sahara am ehesten das gefunden, was ich mir vorgestellt habe unter sozialen Verhaltensformen, Umgangs­formen, Ästhetik, auch körperliche Schönheit der Menschen. Zu­gleich musste ich auch feststellen, dass dem ein Mangel bei mir selbst zugrunde liegt: warum suche ich das irgendwo anders, warum finde ich es nicht in mir selbst?

Musik:
Tuareg, Tanz und Gesang des Medizinmannes
Sprecherin:
Reisen eröffnet eine spannungsreiche Begegnung des Eigenen und des Fremden, die beide dialektisch aufeinander bezogen sind. Das Fremde an sich gibt es nicht. Was uns ungewöhnlich, merk­würdig oder fremd anmutet, ist dies nur auf der Folie unseres eigenen kulturellen Hintergrunds, relativ zu jenen Vorstellun­gen und Verhaltensmustern, die wir selber mitbringen.
Sprecher:
Das Erlebnis der Fremde lehrt aber im Gegenzug auch die Her­kunftskultur neu zu sehen und zu verstehen. Zu Hause ist uns die eigene Kultur gleichsam zu nah und zu selbstverständlich, als dass wir sie reflektieren könnten. Die Reise wirkt wie ein Verfremdungseffekt, sie verschafft eine notwendige Distanz, so dass wir im Durchgang durch Unbekanntes zu einer Wiederbegegnung und einem tieferen Verständnis der eigenen Kultur gelangen kön­nen. Ein solcher doppelsinniger Reflexionsprozeß, in dem man sich der anderen Kultur gegenüber öffnet und dabei zugleich der eigenen innewird - das war die ursprüngliche Idee der Bil­dungsreise.
Sprecherin:
Der Kulturanthropologe Helmuth Plessner hat darauf aufmerksam gemacht, dass solche Erfahrungsprozesse durchaus unangenehm sind, denn sie entspringen Momenten des Bruchs und Augenblicken der Irritation, der Verunsicherung, auch des Schreckens. "Der Schock des Erlebnisses", schreibt Plessner, "entbindet den Blick: wir sehen mit anderen Augen."
O-Ton, Hans-Jürgen Heinrichs:
Ja, der Schrecken gehört natürlich dazu, wenn man sich selbst aussetzt der Fremde. Freud hat ja diese berühmte Formel vom in­neren Ausland geprägt, die Seele als inneres Ausland. Und wenn man sich eben der Fremde aussetzt, dann wird man im äußeren Ausland mit dem inneren Ausland konfrontiert, und das hat natür­lich Schrecken zur Folge, wenn ich mich in einer fremden Kul­tur mit einem Ritual auseinandersetze, das mir angst macht, dann ist es eine Angst, die in mir an etwas rührt, mit dem ich mich bisher nicht auseinandergesetzt habe. Und Reisen hat immer mit Schrecken und Irritation zu tun, und stellt letztlich alle meine Erkenntnisformen und Kategorien von Grund auf in Frage.
Sprecher:
In dieser Hinsicht ist der Tourismus geradezu das Gegenteil des Reisens. Denn der Tourist vermeidet die Begegnung, er sucht nicht das Andere, sondern das Selbe. Er will sich nicht irri­tieren, sondern bestätigen lassen. So liest er die heimische Zeitung, trinkt das gewohnte Bier und unterhält sich mit den mitgereisten Landsleuten. Die fremde Kultur ist für ihn zu ei­ner leichtverdaulichen Folklore aufbereitet und liefert im üb­rigen nur die Kulisse. Sonne, Sand und Palmen bilden die exoti­schen Requisiten eines Urlaubsorts, der überall und nirgends liegt. Deshalb hat der Tourismus ebenso wenig zu einem besseren Verständnis der fremden Kultur wie zur Selbstreflexion der ei­genen beigetragen. Horst Opaschowski, Leiter des BAT-Freizeitforschungsinstituts in Hamburg:
O-Ton, Horst Opaschowski:
Wir wissen aus unseren Tourismusforschungen, dass die meisten Urlauber zwar das ganz Andere suchen, also eine fremde Umgebung haben wollen, aber sich letztendlich nicht einlassen wollen auf die fremden Lebensweisen, sie möchten sie eigentlich nur so aus der Distanz beobachten und betrachten, da gibt es wörtliche Äu­ßerungen wie "Es ist schon ganz interessant einmal zu sehen, wie die leben" - oder "Man hat ja sonst nicht so viel Gelegen­heit, Einheimische oder Fremde kennen zu lernen", also sie gehö­ren schon zum Urlaubsleben hinzu, "Sie stören mich nicht" oder wie eine junge Mutter sagte, "Ich habe schon einmal versucht die Kinder miteinander spielen zu lassen, damit die auch ler­nen, wie gut es ihnen geht" - also Fremdheit in originaler Ver­sion ist durchaus erwünscht, gehört so zur Urlaubskulisse, zum Ur­laubsgefühl hinzu, Einheimische sollten also schon echt sein, aber bitteschön sie sollten nicht zu nahe kommen, sie sollten keine Wünsche äußern und sie dürfen vor allen Dingen nichts for­dern. Und deshalb muss man leider sagen, dass dieser Wunsch, Land und Leute kennen zu lernen, letztlich aus dem Oberflächli­chen nicht herauskommt, nur Kulisse meint.
Sprecherin:
Die Kritik am Tourismus ist so alt wie der Tourismus selbst, sie begleitet ihn seit den Anfängen. Schon im 19. Jahrhundert klagte beispielsweise Fontane in seinem Roman Cecile darüber, dass die Touristen im Harz ihre Butterbrotpapiere fallen ließen.
Immer wieder gab es Anstrengungen, die Trampelpfade eines zunehmenden Massentourismus zu verlassen. Vor allem Künstler waren Vorreiter eines individuellen Reisens: August Macke und Paul Klee reisten nach Tunis, wohnten und malten an den Küsten des Lichts. Gauguin kehrte dem Abendland gänzlich den Rücken, vagabundierte nach Martinique und Tahiti, um sich schließlich auf den Marquesasinseln in der Südsee niederzulassen.
Sprecher:
Bis heute rebellierte vor allem die Jugend in immer neuen Schüben gegen das etablierte Reisen. Jack Kerouac und die Beatgeneration in den fünfziger, die Hippies und Aussteiger in den sechziger und siebziger Jahren, bis zum breiten Spektrum des Alternativtourismus seit den 80ern.
Doch es begann schon um 1900, so Christoph Becker, Professor für Fremdenverkehrsgeographie an der Universität Trier, als der Wandervogel die Reihe der Jugendbewegungen eröffnete.
O-Ton, Christoph Becker:
Der Wandervogel war auch eine Gegenbewegung, gegen die Reisen des Bürgertums, das seinen ganz besonderen Stil mit besonderen Konventionen entwickelt hatte. Und dagegen hat der Wandervogel aufbegehrt. Er hat sich anders gekleidet und ist vor allem auch ganz anders gereist. Man hat eben nicht mehr die Hotels und Pensionen und die Sommerfrischen aufgesucht, sondern ist zu Fuß über Land gezogen, hat häufig beim Bauern übernachtet, sehr einfach gelebt, zumal man auch nicht sehr viel Geld zur Verfügung hatte, und hat so ein bisschen das andere Leben geprobt, was auch sonst immer einmal wieder kommt.
Musik:
Unterwegs nach Süden (Hannes Wader)
Sprecherin:
Die Reise ist auch eine Art Ausnahmezustand. Man fühlt sich gleichsam von sich selbst befreit und seltsam leicht. Wo uns der Alltag das Gewicht der Wirklichkeit aufbürdet, taucht nun eine Welt der Möglichkeiten auf, schillernd, unbestimmt, aber voller Verheißungen. Das Universum der Reise verspricht all das, was die eigene Erwartung hineinprojiziert.
Sprecher:
Darin liegt das elektrisierende Hochgefühl des Aufbruchs be­gründet, manchmal aber auch die bange Befürchtung, ohne die Stützen von Arbeit und Alltag in eine abgrundtiefe Leere und Sinnlosigkeit zu stürzen. Aus diesem Grund meiden immer noch viele Menschen das Reisen. Sie möchten nicht ihre vertraute Umgebung gegen ein anonymes Hotelzimmer eintauschen, mag es auch noch so komfortabel sein.
Sprecherin:
Dennoch hat der Tourismus im Laufe des 20. Jahrhunderts alle sozialen Schichten und Gruppen erobert. Pauschalreisen wurden erschwinglich für breite Bevölkerungsschichten. Nach dem ersten Weltkrieg packten außer dem gehobenen Bürgertum auch Angestellte und Facharbeiter ihre Reisekoffer. Und nach dem zweiten Weltkrieg im Zuge des Wirtschaftswunders wurde das Reisen endgültig demokratisiert. Nun reisten buchstäblich alle, sogar Bauern, die traditionell sesshafteste Gruppe, begannen sich für 14 Tage von ihrer Scholle zu trennen, wenn es der Betrieb zuließ.
Sprecher:
Der Massentourismus verlor jedoch spätestens dann seine Unschuld, als ökologische Schäden in den Alpen und auf vielen Ferieninseln unübersehbar wurden. 1975 veröffentlichte Jost Krippendorf seine aufrüttelnde Studie „Die Landschaftsfresser“. Seitdem entwickelt und diskutiert man verschiedene Konzepte vom sogenannten Sanften Reisen über die Idee eines nachhaltigen Tourismus, die das Reisen ökologisch und sozial verträglicher gestalten sollen.
Sprecherin:
Dazu gehört auch die Selbstreflexion der Reisenden. Die Einsicht, dass Reisen doch mehr meint, als in kürzester Zeit möglichst weit zu fahren und möglichst viele Orte abzuklappern. Zwar definiert die Fremdenverkehrswissenschaft Reisen als Ortswech­sel, als Bewegung im Raum. In Wahrheit entfaltet sich eine Reise jedoch in mehreren Dimensionen. Zur räumlichen tritt eine zeitliche Bewegung hinzu, z.B. als Hinwendung zur Geschichte des bereisten Landes oder auch als Erinnerung an Privates. Und die Erinnerung verweilt nicht nur rückwärts gewandt im Vergan­genem, sondern sie läßt auch Bilder und Wünsche aufsteigen, die in die Zukunft vorauseilen, die Pläne und Phantasien freiset­zen.
Sprecher:
Auch die Ebene des Imaginären ist wichtig, die Tagträume und die Lektüre: lesend begibt man sich gleichsam noch auf eine zweite Reise in der Reise.  Alle diese Ebenen sind miteinander verschränkt, so dass sich - im glücklichen Fall - die äußere Reise in einer inneren fortsetzt und vertieft.
Musik:
Die wahren Abenteuer sind im Kopf (André Heller)
Sprecherin:
Den Sinn musst Du wechseln nicht den Himmelsstrich, schrieb Seneca.  Ist wirklich Ortswechsel nötig, um Abstand zu gewinnen und Muße? Um vielleicht eine neue Perspektive zu finden und sich innerlich weiter zu entwickeln.  Oder ist die Idee eines Urlaub zu Hause, in der eigenen Stadt, nur eine Illusion?
O-Ton, Horst Opaschowski:
Das Abstreifen des Alltagskleides und das Hineinschlüpfen in die Urlauberrolle ist wohl für viele ungeheuer wichtig, und deswegen sagen auch viele, Urlaub daheim ist nicht möglich. Weil sie das eigentlich immer mit dem Kontrasterlebnis verbin­den, Kontrast zum Zuhause, zu dem Gewohnten, und natürlich auch Kontrast zu sich selbst, insofern spielen ja viele im Urlaub eine Rolle, wie man ja generell sagen muß, dass die Urlaubswel­ten zunehmend Szenerien werden, sie werden inszeniert wie ein Theaterspiel, dramaturgisch in Szene gesetzt und die Urlauber spielen dann ihre Rollen, ... Wobei man die Miturlauber als Mitspieler benötigt, für das eigene Selbstwertgefühl, die Aner­kennung, das Prestige, das Sehen-und-gesehen-werden, und ich glaube die gegenwärtig boomenden Urlaubswelten sind künstliche und auch inszenierte Welten, also die etwas bieten, was die Na­tur nicht mehr bieten kann und was auch erklärt, dass mitunter Kulissen, z.B. Filmkulissen mehr Resonanz etwa bei amerikani­schen Touristen finden als die Originale in Ägypten oder Grie­chenland.
Sprecher:
Das Reale scheint den hochgezüchteten Erlebniswünschen, den An­sprüchen an Perfektion, Attraktivität und Anschaulichkeit nicht mehr zu genügen. Erlebnis heißt das Zauberwort unserer Tage, aber nicht authentische Freude an der Natur wie in der Romantik ist gefragt, sondern künstlich arrangiertes Vergnügen. Im vergangenen Jahrzehnt ist ein ganze Palette von Freizeit- und Ferienparks entstanden, von den Spaßbädern über die Phantasia- und Disney-Lands,  über Indoor-Ski-Anlagen, bis hin zu komplett synthetischen Urlaubswelten,  die unter einer Kuppel Sommer, Strand und Wellengang für den Besucher inszenieren.
Sprecherin:
Hier werden die Erlebnisse gleichsam vorgefertigt und zum Verzehr bereitgestellt sind. Anlagen im Stile der Walt-Disney-Parks gleichen aufgeklappten Fernsehgeräten, in denen man nun umherspaziert.
Manchen scheint diese Kritik an den modernen Kunstwelten überzogen, vor allem wenn man wie die Fremdenverkehrsgeografin Anja Brittner von der Universität Trier historische Vergleich heranzieht.
O-Ton, Anja Brittner:
Diese Welten werden als künstliche Welten bezeichnet, aber man muss sich auch die Frage stellen, ob sie denn so künstlich sind...., wenn man ein bisschen in der Vergangenheit gräbt, findet man auch bereits künstliche Welten in Form von Landschaftsparks, Landschaftsgärten, wie es sie schon gegeben hat, ab Mitte des 17. Jahrhunderts oder auch dann im 18. Jahrhundert als die französischen und englischen Landschaftsgärten ihre Großzeit hatten, die waren auch inszeniert, es gab damals schon Musterblätter für Felsentwürfe, die den Besucher in eine bestimmte Stimmung versetzen sollte, so wie das heute mittels der Architektur und der ganzen Kulisse, die in den Ferienwelten auch vorhanden ist, beabsichtigt ist.
Sprecher:
Die künstlichen Urlaubs- und Freizeitwelten existieren ohne Anbindung an eine bestimmte Kultur oder Geschichte. Deshalb ist der Ort ihrer Errichtung beliebig. Mehr und mehr beliebig scheinen heute überhaupt die Reiseziele zu werden. Die moderne Reise, das erkannte schon Siegfried Kracauer in den zwanziger Jahren, wird um ihrer selbst willen unternommen. Sie ist kein durch ihr Ziel bestimmter Weg, sondern reines Unterwegssein. Nicht um die Ankunft geht es, sondern um die Bewegung, um die Mobilität.
O-Ton, Horst Opaschowski:
Bei jungen Leuten haben wir heute oft schon den Eindruck, das für sie das Unterwegssein wichtiger ist als das Ankommen, d.h. sie halten sich mitunter mehr im Zug auf, z.B. bei den Inter­rail-Fahrten, benutzen den Zug als Aufenthalts-, als Speise-, als Schlafraum und sind also mehr im Zug unterwegs als an den eigentlichen Zielen, nämlich den Metropolen Europas. Also hier deutet sich etwas an, was die Amerikaner hopping nennen, nicht mehr lange verweilen an einem Punkt, ganz schnell wieder wei­ter, im Urlaub ist dann island-hopping angesagt, eine Insel reicht nicht mehr, nein schnell weiter zu den nächsten zwei, drei um sie kennenzulernen, ob nun Mallorca, Ibiza oder Menorca oder die karibische Inselwelt, das ist das was in Zukunft ge­fragt ist, und das wirkt sich letztlich auf das gesamte All­tagsleben aus.
Sprecherin:
"Wer aber sind sie, sag mir, die Fahrenden, diese ein wenig Flüchtigern noch als wir selbst", fragte Rainer Maria Rilke zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Heute könnte man darauf antworten, diese Fahrenden sind gar nicht mehr die anderen, eine bestimmte Gruppe sozialer Außenseiter. Fahrende sind vielmehr wir alle selbst. Denn das Unterwegssein kennzeichnet die moderne Exi­stenz des Menschen in grundlegender Weise: Mobilität, Flexibi­lität, Bereitschaft zur Veränderung werden heute beruflich wie privat von jedem erwartet. Kein Beruf, keine Beziehung, keine Partei oder Weltanschauung stellt einen Anker für das gesamte Leben dar. Die Bindungen an die festen Werte und Vorstellungen der Tradition sind gekappt, wir sind auf freier Fahrt, wo der Kurs, die Orientierung ständig neu gefunden werden muß.
Sprecher:
Dieses moderne Lebensgefühl des Unterwegsseins erhält im Reisen seinen konkreten Ausdruck. Zugleich bietet das Reisen die Chance "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" - wie Milan Kundera die moderne Existenz nannte - bewußt anzunehmen und zu einem positivem Erlebnis umzugestalten.
O-Ton, Hans-Jürgen Heinrichs:
In der Tat ist Reisen heute etwas, was mit zwei entscheidenden Komponenten in Verbindung zu bringen ist. Das eine ist: unser heutiger Arbeitsmarkt ist ein internationaler Arbeitsmarkt von Menschen, die jederzeit flexibel von einem zu einem anderen Ort sind, ... also Reisender auch als eine Form des modernen flexi­blen Arbeiters. Das andere ist, was man als Nicht-Orte bezeich­net hat, ... un­ser Leben ist von Durchgangsorten bestimmt ei­gent­lich, wir fah­ren über die Autobahn, nicht um dort zu blei­ben, sondern um wo­anders hinzukommen, wir gehen durch die Su­per­märkte  hindurch, wir gehen durch die Bank hindurch, wir sind ständig am Flugha­fen, wir sind ständig an Durchgangsorten, wir sind wirklich Passagiere geworden der modernen Welt, und ... da verliert die Vorstellung des Reisens all ihren mythi­schen Glanz und wird zu einer Komponente der Moderne, auf die man dann noch einmal ganz neu zu sprechen kommen müßte.
Sprecherin:
Die Grenzen zwischen Reisen und Nichtreisen, zwischen Unter­wegs- und Zuhausesein verschwimmen, weil die Dynamik der Mo­derne die Lebensform einer traditionellen Seßhaftigkeit zuneh­mend auflöst. Wir leben in einer Kultur der Beschleunigung. Menschen, Güter und Informationen werden in einem vorher nicht gekannten Tempo durch Raum und Zeit katapultiert.
Sprecher:
Aufgrund der Fortschritte der Informationstechnologie prognostizieren manche Beobachter eine gegenläufige Entwicklung. Demnach würden Manager künftig nicht mehr so viel reisen und stattdessen über Internet und Videokonferenz miteinander kommunizieren. Und Freizeitreisende fänden es spannender, am PC über den Globus zu surfen, anstatt auf der Autobahn im Stau zu stehen oder auf dem Flughafen in der Wartehalle. Gehört dem virtuellen Reisen die Zukunft? Reiseforscher wie Anja Brittner widersprechen:
O-Ton, Anja Brittner:
Ich bin der Meinung, dass man sich beruflich mehr im Internet fortbewegen wird über Video- und Telefonkonferenzen etc, aber dass virtuelle Reisen nicht die Funktion einer Erholungsreise oder einer Reise aus Freude ersetzen werden. Dafür ist virtuelles Reisen im Internet nicht greifbar genug, und es ist kein Ersatz für eine Haupturlaubsreise oder für eine Reise an einen realen Ort, dieser Tourismus ohne Raum – wie man ihn bezeichnen möchte - wird sich in der Form nicht umsetzen, auch nicht im Internet.
Sprecherin:
Die Mobilität wird vermutlich noch zunehmen. Schon heute ist der Mensch der westlichen Gesellschaft permanent unterwegs: er lebt in Autos, Bussen, U-Bahnen und Zügen, in Wochenendfreizeiten und auf Dienstreisen. Von einem Kurzurlaub zurück, im Geiste aber  schon auf dem kommenden Fortbildungsseminar hat er kurz seine Wohnung aufgesucht. Der geographische Wohnort bildet nicht mehr "die Erfahrungsgrundlage des Menschen", schreibt der französische Philosoph Paul Virilio, er ist - nur noch "ein beim Hin- und Zurückfahren erreichbarer Pol".
Sprecher:
So ähnelt die Situation der Gegenwart in spiegelverkehrter Weise dem Mittelalter. Im Mittelalter waren vor allem die Ärmsten unterwegs, verglichen mit heute bewegten sie sich im Schneckentempo, nämlich zu Fuß.
In der Gegenwart katapultieren sich die Menschen mit den schnellsten Verkehrsmitteln rund um den Globus, und je weiter sie auf der Karriereleiter hinauf geklettert sind, desto höher ist auch ihre Mobilität. Das gilt nicht nur für Politiker und Top-Manager. Auch Wissenschaftler trifft man weniger in Labors und Bibliotheken als unterwegs - auf Kongressen und Tagungen, während Forschungsreisen und Gastprofessuren.
Sprecherin:
Bei all dem handelt es sich jedoch nicht um berufsbedingte Zwänge, die dem Einzelnen äußerlich blieben. Die Menschen haben die erforderliche Mobilität vielmehr verinnerlicht. Inzwischen übertrifft das Verkehrsaufkommen in der Freizeit, der so genannte Spaßverkehr noch den Berufsverkehr. Der Aus­flugsboom bietet das Bild eines rastlosen Umherirrens auf der Suche nach einem Leben, das vermeintlich gerade woanders statt­findet. Und die Reiselust verwandelt sich zunehmend in Reise­sucht, verrät Züge einer Manie, die die Maßlosigkeit des Umher­fahrens mit einem erfüllten Leben verwechselt.
Musik zum Ausklang:
Lied: Heute hier, morgen dort ... (Hannes Wader)